Digitalisierung und KI gelten als Schlüssel für die Zukunft der KMU. Doch Sanche Baskaren, CEO und Partner bei Epic Fusion, hält den Fokus vieler Unternehmen für falsch. Im Interview im Tages-Anzeiger erklärt er, weshalb echte Transformation weit über neue Tools hinausgeht und warum Nichtstun heute oft das grössere Risiko ist.
Viele KMU investieren derzeit in Digitalisierung und KI. Reicht das aus?
Nein, und ich sage das bewusst direkt. Ich glaube, viele Unternehmen führen gerade die falsche Diskussion. Seit Jahren digitalisieren KMU bestehende Prozesse. Das ist sinnvoll. Aber Digitalisierung allein schafft noch keinen Wettbewerbsvorteil. Wer analoge Strukturen digital abbildet, arbeitet zwar moderner, aber nicht zwingend besser. Er digitalisiert lediglich den Status quo. Wer KI einfach auf bestehende Strukturen setzt, automatisiert bestenfalls Ineffizienz. Die eigentliche Herausforderung liegt tiefer. Unternehmen müssen ihre Organisation, Entscheidungswege und Zusammenarbeit neu denken. Das ist Transformation. Das ist etwas fundamental anderes als Digitalisierung. Und genau diese Unterscheidung fehlt in den meisten Gesprächen.
Auch Internationale Studien von McKinsey oder Microsoft zeigen, dass Unternehmen den grössten Nutzen nicht durch einzelne KI-Anwendungen erzielen, sondern dann, wenn sie ihre Arbeitsweise, Entscheidungsprozesse und Organisation konsequent an die neuen technologischen Möglichkeiten anpassen.
Epic Fusion wurde 2024 als Global Microsoft Partner of the Year ausgezeichnet. Gleichzeitig bezeichnen Sie sich selbst als Frontier Firm. Was steckt dahinter?
Die Auszeichnung freut uns natürlich sehr. Sie bestätigt, dass wir technologisch an der Spitze mitspielen. Aber sie ist nicht das, worauf wir am meisten stolz sind. Viel wichtiger ist, dass wir den Mut hatten, unser eigenes Unternehmen komplett neu zu denken. Vor gut einem Jahr haben wir eine Entscheidung getroffen, die viele für verrückt hielte. Wir haben unser gesamtes Unternehmen neu gedacht. Wir haben nicht einfach KI eingeführt, sondern Epic Fusion konsequent zu einem Frontier Firm transformiert. Jeder Workflow, jede Wissensstruktur und jeder Entscheidungsprozess wurde hinterfragt. Wir haben uns selbst als «Customer Zero» behandelt. Und wir haben festgestellt, dass rund 30% unserer Arbeitszeit in Suchen, Abstimmen und Koordinieren verloren ging. Strategische Entscheidungen verzögerten sich um Stunden, weil die richtigen Informationen nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Das Problem haben die meisten Unternehmen.
Und ja, es hat wehgetan. Ganz offen gesagt: Diese Transformation war und ist kein Spaziergang. Sie hat etablierte Rollen verändert, Prozesse infrage gestellt und verlangt, Gewohntes loszulassen. Und alles gleichzeitig, während wir noch das Tagesgeschäft und die Kundenprojekte am Laufen hielten. Aber genau dadurch wissen wir heute aus eigener Erfahrung, wie Transformation tatsächlich funktioniert.
Sie als KMU sprechen von Frontier Transformation. Was unterscheidet diese Transformation von einer klassischen Digitalisierung?
Digitalisierung verbessert bestehende Prozesse. Eine Frontier Transformation beginnt dort, wo Unternehmen aufhören, KI als Werkzeug zu betrachten. KI wird zum Fundament, auf dem ein Unternehmen arbeitet. Das sind zwei völlig unterschiedliche Denkweisen. Über Jahrzehnte war Technologie unterstützend, heute wird sie zum Betriebssystem eines Unternehmens. Das verändert alles. Sie vernetzt Wissen, unterstützt Entscheidungen, automatisiert Abläufe und schafft eine völlig neue Geschwindigkeit. Unternehmen, die das nicht erkennen, werden digital aussehen – aber oftmals weiterhin analog funktionieren. Internationale Studien zeigen bereits heute enorme Produktivitätsunterschiede zwischen Unternehmen, die KI konsequent integrieren, und jenen, die lediglich einzelne Tools testen. Der Abstand wird in den nächsten Jahren grösser werden.
Das bedeutet aber nicht, dass Menschen weniger wichtig werden. Im Gegenteil. Ihre Rolle verändert sich jedoch und wird sogar wertvoller. Menschen sollten keine Aufgaben mehr erledigen, die Maschinen schneller und effizienter erledigen. Je leistungsfähiger Technologie wird, desto wertvoller werden menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Kreativität und unternehmerisches Denken. Unsere Aufgabe ist es, Menschen von dieser Arbeit zu befreien, nicht ihnen Arbeit zu geben.
Epic Fusion positioniert sich als Transformationspartner. Was unterscheidet Sie von anderen Beratungs- und Softwareanbietern?
Wir verkaufen keine Transformation, die wir nicht selbst erlebt haben. Epic Fusion war nicht immer das Unternehmen, das es heute ist. Wir verändern uns gefühlt jedes halbe Jahr! Wir mussten und müssen noch laufend unsere eigene Organisation radikal hinterfragen. Prozesse neu denken und unsere Arbeitsweisen konsequent auf Automatisierung und KI ausrichten. Quasi KI in unseren Alltag integrieren. Wir haben Entscheidungen getroffen, die unbequem waren. Das war weder einfach, noch risikolos. Es bedeutet, Gewohntes infrage zu stellen und Entscheidungen zu treffen, deren Erfolg wir nicht garantieren können.
Gerade deshalb verstehen wir die Realität unserer Kunden. Und wissen genau, dass solche Erfahrungen auch schmerzhaft sind – das war bei uns nicht anders. Viele Beratungen begleiten Transformation auf PowerPoint Präsentationen oder in Workshops. Wir kennen Transformation aus dem operativen Alltag. Wir wissen, wie sich Widerstand anfühlt, wie Unsicherheit entsteht und wie man Mitarbeitende auf diesem Weg mitnimmt. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Aus dieser Erfahrung heraus entstand Frontier Engine. Warum haben Sie sie entwickelt?
Wir stellten fest, dass bestehende Lösungen die eigentlichen Probleme von uns und vieler unserer Kunden nicht lösten. Die meisten Softwarelösungen oder KI-Lösungen optimieren einzelne Aufgaben, verändern Unternehmen jedoch als Ganzes kaum. Wissen bleibt verteilt, Prozesse sind voneinander getrennt und Mitarbeitende wechseln täglich zwischen unzähligen Anwendungen. Was wir brauchten, war ein System, welches das ganze Unternehmenswissen und alle Tools verbindet, Entscheidungen vorbereitet, Prozesse ausführt und als Ganzes funktioniert. Also haben wir es gebaut. Für uns. Erst nachdem Frontier Engine unseren eigenen Alltag messbar verändert hat, haben wir es Kunden zugänglich gemacht. Frontier Engine ist das Ergebnis von echtem Schmerz und echter Lösung.
Was macht die Frontier Engine anders?
Stellen Sie sich vor, jeder Mitarbeitende hätte ein Team aus KI-Agenten zur Seite. Keine generischen Chatbots, die allgemeinen Antworten liefern. Sondern spezialisierte KI-Agenten, die den Kontext des Unternehmens kennen. Die Projekte verstehen, Entscheidungen vorbereiten, Prozesse ausführen und bereits gearbeitet und gehandelt haben, bevor Mitarbeitende zur Arbeit kommen. Für ein KMU mit 30 Mitarbeitenden – wie wir es sind – bedeutet das plötzlich die operative Schlagkraft eines deutlich grösseren Unternehmens. Ganz ohne die Komplexität eines Grossunternehmens.
Viele KMU wünschen sich mehr digitale Souveränität. Was bedeutet das konkret?
Digitale Souveränität bedeutet, die Kontrolle über die eigenen Daten, Prozesse und Entscheidungen zu behalten. Gerade europäische Unternehmen müssen sich fragen, wie abhängig sie von einzelnen Plattformen oder internationalen Anbietern werden möchten. KI macht diese Frage noch relevanter. Viele KMUs merken erst dann, dass sie keine digitale Souveränität haben, wenn es zu spät ist. Wenn beispielsweise Mitarbeitende mit dem gesamten Wissen das Unternehmen verlassen oder wenn niemand mehr weiss, in welchem System welche Informationen überhaupt liegen. Wer seine Daten nicht im Griff hat, wird langfristig auch seine Wertschöpfung nicht kontrollieren.
Gleichzeitig verstehe ich, dass viele Unternehmen gelähmt sind. Gefühlt jede Woche erscheint ein neues KI-Tool oder Large Language Model. Jeder Anbieter verspricht Transformation. Die Folge ist nicht Innovation, sondern Orientierungslosigkeit. Zu viele Berater und Softwareanbieter verkaufen KI-Piloten. Was Unternehmen brauchen, sind kein weiteren Tools. Sie brauchen ein Betriebsmodell, das funktioniert. Und jemanden, der ihnen zeigt, wie das aussieht – nicht in der Theorie, sondern in der Praxis. Deshalb haben wir eine Plattform entwickelt, die Wissen, Prozesse, Automatisierung und KI verbindet. Frontier Engine ist das Ergebnis dessen, was wir selbst gebraucht haben.
Viele Unternehmen zögern trotzdem. Ist Vorsicht nicht verständlich?
Natürlich. Aber Nichtstun ist heute oft das grössere Risiko. Wir erleben häufig Projekte, die monatelang analysiert werden, bevor überhaupt etwas umgesetzt wird. Gleichzeitig verändert sich der Markt in einer Geschwindigkeit, die klassische Projektlogiken längst überholt hat. Transformation ist kein Projekt mehr. Sie wird zur dauerhaften Führungsaufgabe.
Sie sprechen oft davon, dass KMU mutiger werden müssen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Schweizer KMU?
Mehr Mut. Die Schweiz verfügt über hervorragende Unternehmen. Das hat unseren Wohlstand geprägt. Doch Optimierung allein reicht in einer exponentiellen Technologiewelt nicht mehr aus. Viele Unternehmen investieren Millionen in neue Software, ohne ihre Organisation zu verändern. Das ist teuer, und resultiert oft in Enttäuschung. Denn bestehende Prozesse werden lediglich digitalisiert – inklusive aller Ineffizienten.
Was uns häufig bremst, ist nicht fehlende Innovationskraft, sondern die Kultur des Abwartens. Technologie entfaltet ihren Nutzen erst dann, wenn Unternehmen bereit sind, Verantwortung neu zu verteilen, Entscheidungen zu beschleunigen und bestehende Strukturen konsequent zu hinterfragen. Transformation scheitert selten an der Technologie. Sie scheitert an der Bereitschaft, sich selbst zu verändern. Die nächste Generation erfolgreicher KMU wird diejenige sein, die den Mut hat, ihre Organisation konsequent zu denken. Wir haben diesen Schritt gemacht. Wir wissen, wie er sich anfühlt.