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Céline Solenthaler | Interview zu KI-Nutzung, Tools und AI-Agenten

Geschrieben von Ylenia Sieber | 03.11.2026

«KI löst keine Chaos-Probleme, sie macht Chaos nur schneller.» Genau das sagt Céline Solenthaler, wenn es um den Einsatz von KI in Unternehmen geht. Im Interview spricht sie darüber, warum Unternehmen manchmal zu viel und manchmal zu wenig in KI investieren und was es bei der Wahl zwischen KI-Tools und AI-Agenten wirklich zu beachten gibt.

Céline Solenthaler ist Digitalisierungsexpertin und Gründerin von solenthaler.ai. Sie unterstützt Schweizer KMU und Verwaltungen dabei, das Potenzial von KI zu erkennen und zu nutzen. Zuvor war sie Chief Digital Officer bei der Stadtpolizei Zürich.


Céline, du bist selbstständig und setzt mit Unternehmen KI um. Wie kam es dazu, dass du dich so intensiv mit KI beschäftigst und heute Unternehmen dabei unterstützt?
Ich bin seit über 15 Jahren in der Digitalisierung unterwegs, in ganz unterschiedlichen Rollen: als Technical Writer, als UX Designer und zuletzt als Chief Digital Officer der Stadtpolizei Zürich. Dadurch kenne ich den ganzen Entwicklungsprozess, von der ersten Idee bis zur Lösung, die im Alltag funktionieren muss. Als KI den Sprung vom Experiment in den Arbeitsalltag machte, wollte ich mittendrin sein und selbst mitgestalten: näher an der Umsetzung und mit vielen Organisationen gleichzeitig. Seit Oktober 2025 unterstütze ich als Selbstständige Unternehmen dabei, KI gezielt einzusetzen. Der rote Faden ist geblieben: Ich übersetze zwischen der Technik und den Menschen, die damit arbeiten.

Wie nimmst du das wahr, kaufen Unternehmen gerade zu viel KI und denken zu wenig darüber nach, wofür sie sie eigentlich brauchen?
Das gibt es, klar. Manche Firmen zahlen Copilot-Lizenzen, die kaum jemand nutzt. Häufiger erlebe ich aber das Gegenteil: Es wird zu wenig investiert. Die Frage «Können wir uns den Zugang nicht teilen?» höre ich regelmässig. Und viele Firmen stellen noch gar keine offizielle Lösung bereit. Die Mitarbeitenden merken trotzdem, wie nützlich KI ist. Für ein eigenes Konto zahlen wollen sie aber nicht, also nehmen sie die Gratisversion. Genau so entsteht Schatten-KI. Firmendaten landen in Tools, über die niemand die Kontrolle hat. Die vermeintliche Einsparung wird zum Risiko. Wer das verhindern will, muss eine gute offizielle Lösung anbieten und klar regeln, was erlaubt ist. Eine kostenlose Vorlage dafür gibt es mit meiner Muster-KI-Richtlinie für KMU.

Was sind die grössten Herausforderungen, die du bei Unternehmen aktuell wahrnimmst, wenn es um den Einsatz von KI geht?
Die erste Hürde ist die Vorstellungskraft. Viele wissen gar nicht, was mit KI überhaupt möglich wäre. KI kann deutlich mehr, als schönere E-Mails zu schreiben. Deshalb braucht es konkrete Beispiele als Inspiration. Sobald die ersten Anwendungsfälle stehen, kommt die zweite Hürde: die Daten. Entweder liegen sie in Systemen, die sich nicht anbinden lassen, zum Beispiel in Branchen-ERPs. Oder es fehlen noch die digitalen Grundlagen, und die Daten liegen verstreut in Ordnern, auf Laufwerken und auf Schreibtischen, digital wie analog. Starten kann man trotzdem. Manche Anwendungsfälle brauchen kaum Firmendaten, zum Beispiel Social-Media-Beiträge. Der grosse Hebel kommt aber erst, wenn die KI mit den eigenen Firmendaten arbeiten kann. Die dritte Hürde sind die Menschen. Wenn die KI Aufgaben übernimmt, verschieben sich Zuständigkeiten: Wer prüft das Ergebnis, wer trägt die Verantwortung, und was macht die Person, die diese Arbeit bisher erledigt hat? Solche Fragen verunsichern, und Unsicherheit bremst. Wer sie nicht früh klärt, hat am Ende ein funktionierendes Tool, das niemand nutzt.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem KI-Tool und einem AI-Agenten?
Der Unterschied liegt weniger im Produkt als in der Arbeitsweise. Im Chat antwortet die KI auf eine Anfrage, und ich entscheide, was mit dem Ergebnis passiert. Arbeitet sie agentisch, bekommt sie ein Ziel und arbeitet sich selbstständig durch mehrere Schritte: Sie liest E-Mails, sucht Informationen im CRM, schreibt einen Entwurf und legt ihn ab. ChatGPT, Claude oder Copilot können inzwischen beides. Die Frage ist also nicht, welches Tool man kauft, sondern wie viel Arbeit man der KI selbstständig überlassen will und welche Berechtigungen man ihr dafür erteilen möchte.

Die Auswahl an KI-Tools und AI-Agenten wird gefühlt jeden Tag grösser. Wie soll ein Unternehmen überhaupt noch entscheiden, welches Tool wirklich zum eigenen Arbeitsalltag passt?
Beim Arbeitsalltag anfangen, das Tool kommt zuletzt. Zuerst die Frage: Was kostet Zeit, Geld, Nerven, und braucht es dafür überhaupt KI? Erst dann geht es ans Tool, und da zählen vier Dinge. Erstens der Datenschutz: eine Business-Version, keine Nutzung der eigenen Daten fürs Training, Klarheit über den Speicherort. Zweitens die Systemlandschaft: Wer in Microsoft 365 arbeitet, hat mit Copilot einen naheliegenden Start, wer in Google Workspace arbeitet, mit Gemini. Drittens die Menschen: Das beste Tool ist das, das genutzt wird. Deshalb klein testen, mit den Leuten, die damit arbeiten, und nach ein paar Wochen ehrlich auswerten. Viertens die Grundhaltung des Unternehmens. Manche Firmen wollen sich bewusst nicht von amerikanischen Tech-Konzernen abhängig machen und setzen auf europäische Anbieter, oft auch über die KI hinaus. Anderen ist die Herkunft des Anbieters weniger wichtig. Sie entscheiden pragmatisch, zum Beispiel für Microsoft, weil ihre Kunden ohnehin in M365 arbeiten und die Zusammenarbeit so einfacher wird. Richtig oder falsch gibt es hier nicht, aber die Entscheidung sollte bewusst fallen. Und weil sich die Tool-Landschaft monatlich verändert, lohnt es sich, austauschbar zu bleiben: Wissen und Kontext in SharePoint, Google Drive oder Notion ablegen und mit dem KI-Tool verbinden, statt alles im Tool selbst zu hinterlegen.

Was überrascht dich in deinen Beratungen immer wieder? Gibt es Dinge, bei denen Unternehmen mit einer ganz bestimmten Erwartung zu dir kommen und du am Ende sagst: «Nein, ihr braucht eigentlich etwas ganz anderes»?
Mich überrascht das kaum noch, die Kunden dafür umso mehr. Oft kommen Firmen mit einem Problem, das sie mit KI lösen wollen. Dann zeigt sich: Dafür braucht es gar keine KI. Manchmal reicht eine einfache Automatisierung oder ein sauberes Formular. Und manchmal löst sich das Problem auf, wenn man anders zusammenarbeitet. Ein Beispiel: Natürlich kann man ein Meeting transkribieren und daraus automatisch das Protokoll erstellen lassen. Vielleicht braucht es das Meeting aber gar nicht, und ein regelmässiger Austausch über Teams ist zielführender. Deshalb gilt bei mir: Prozess vor Tool. Denn KI löst keine Chaos-Probleme, sie macht Chaos nur schneller.

Wenn du Unternehmen aktuell einen einzigen Rat geben könntest, bevor sie die nächste KI-Lösung anschaffen: Welcher wäre es?
Definiere das Problem, bevor du die Lösung suchst. Mit KI erleben wir gerade das Gegenteil: Wir haben eine Lösung und suchen passende Probleme dazu. Wer das Problem zuerst umreisst, weiss, was er eigentlich erreichen will, und kann Messgrössen festlegen. Wer mit einer Lösung herumrennt und Probleme dafür sucht, hat diese Messgrössen meistens nicht. Und kann am Ende nicht sagen, ob sich die Investition gelohnt hat..

Was ist KI und was ein AI-Agent? Und was passt zu deinem Unternehmen?

KI-Tool oder AI-Agent? Nicht jede Aufgabe braucht dasselbe – und nicht jede KI passt zu jedem Unternehmen. Im fünften Webinar unserer Serie zu «Ready or not. AI is here.» zeigen wir, wann klassische KI-Tools sinnvoll sind, wann AI-Agenten ins Spiel kommen und wie du herausfindest, was wirklich zu deinen Aufgaben und Prozessen passt.

Das Webinar findet am Donnerstag, 12.11.2026, von 11.00 bis 11.45 Uhr via Microsoft Teams statt. Melde dich jetzt an!

solenthaler.ai: KI, die im Arbeitsalltag läuft.

solenthaler.ai aus Baden setzt mit Schweizer KMU und Verwaltungen KI dort ein, wo sie im Arbeitsalltag wirklich etwas bringt. Der Ansatz ist praxisnah und folgt dem Grundsatz «Prozess vor Tool». Dazu gehört auch, klar zu sagen, wenn KI die falsche Lösung ist. Neben der Umsetzung bietet solenthaler.ai auch Workshops, Schulungen und Keynotes an. Mit über 15 Jahren Digitalisierungserfahrung, einem Bachelor in Informatik (FHNW) und einem Executive MBA (HSG) unterstützt Céline Solenthaler Unternehmen dabei, KI sicher und pragmatisch im Alltag zu verankern.