Diese Frage kommt inzwischen in fast jedem Kundengespräch: «Wir haben doch Copilot – warum sollten wir noch eine AI-Plattform brauchen?» In diesem Beitrag beantworte ich sie so ehrlich, wie ich kann, auch wenn ich an Frontier Engine mitbaue. Kurzfassung vorweg: Die beiden sind keine Alternativen, sie lösen unterschiedliche Probleme. Wer das Falsche für den falschen Zweck kauft, zahlt jedoch zweimal.
Ein grosser Teil der Verwirrung entsteht, weil vier verschiedene Dinge Copilot heissen. Wenn dein Vorstand «wir haben Copilot» sagt, meint er meist die erste Ebene:
Microsoft 365 Copilot: der Assistent in Word, Excel, Outlook und Teams. Pro Nutzer lizenziert, aktuell rund 30 US-Dollar pro Nutzer und Monat als Add-on zu einem Microsoft 365 Plan. Sofort nutzbar, kein Bauen nötig.
Agenten aus dem Store und Agent Mode: vorgefertigte Agenten für Standardaufgaben. Schnell eingeschaltet, aber kaum tiefer konfigurierbar.
Copilot Studio und Work IQ: hier baust du eigene Agenten auf Microsoft 365 Daten. Low Code, Verbrauchsabrechnung über Copilot Credits, seit Juni 2026 mit den allgemein verfügbaren Work-IQ APIs und Agent-zu-Agent-Kommunikation innerhalb der Tenant-Grenze.
Microsoft Foundry: der Code-first-Weg. Eigene Modelle, eigene Orchestrierung, volle Freiheit und volle Verantwortung. Das ist Entwickler-Territorium, kein Fachbereichs-Werkzeug.
Und dann gibt es noch Agent 365. Das ist keine fünfte Bau-Ebene, sondern die Kontrollschicht: eine Registry aller Agenten im Unternehmen, jeder mit einer Entra Agent ID, dazu die Freigabe oder Sperrung von MCP-Servern, Tracing aller Werkzeugaufrufe und Rate Limits zur Laufzeit. Wer Agenten ernsthaft betreibt, braucht diese Schicht – egal, womit die Agenten gebaut wurden.
Hinweis zu Preisen: Copilot Studio startet als Tenant-Baustein und rechnet Nutzung über Copilot Credits ab (Pay-as-you-go rund 0.01 US-Dollar pro Credit, Vorabpakete mit 25.000 Credits). Seit Juli 2026 gibt es zusätzlich eine E7 Frontier Suite, die Microsoft 365 E5, Microsoft 365 Copilot, Agent 365 und die Entra Suite bündelt. Preise ändern sich schnell (Angabe vom Tag der Veröffentlichung).
Frontier Engine ist die Enterprise AI-Plattform, die wir bei Epic Fusion gebaut haben. Sie läuft in Azure, authentifiziert über Entra ID, ist als Mandanten-Modell aufgebaut und kommt sowohl als Web-App als auch eingebettet in Microsoft Teams. Der Kern ist kein Chatfenster, sondern eine Agenten-Laufzeit. Der Anspruch ist ausdrücklich nicht «ein Chatbot mit Firmendaten», sondern eine unternehmensweite Suite, die sich in den Prozessen verankert: verbunden mit allen Werkzeugen, die ein Unternehmen tatsächlich benutzt und arbeitsfähig, auch wenn niemand davor sitzt.
Agenten bauen und betreiben.
Agent Builder: Agenten werden in der Oberfläche zusammengestellt – Auftrag, Zugriffe, Werkzeuge, Freigaberegeln, Modell. Kein Entwicklungsprojekt pro Agent, und keine Wochen bis zur ersten Version.
Skills und Skill-Marktplatz: Prozesswissen wird einmal als Skill gepflegt und organisationsweit bereitgestellt, statt in jedem Agenten neu beschrieben zu werden.
Packs: fertige Bündel aus Agenten, Skills und Workflows für einen Anwendungsbereich.
Freie Modellwahl: Anthropic, OpenAI, Azure AI, Google und viele mehr.
Agenten-Teams: Agenten übergeben Teilaufgaben an Agenten mit anderem Zugriff und arbeiten parallel. Das ist der Orchestrator-Fall aus Teil 1, technisch umgesetzt und als Netz in der Auswertung sichtbar.
Verankerung im Prozess.
Initiativen: das Herzstück für echte Prozessarbeit. Eine Initiative bündelt Agenten-Team, Aufgaben, Briefings, Workflows, Dokumente und die zugehörige Diskussion an einem Ort. Kein Chat pro Frage, sondern ein Vorhaben, das über Wochen läuft und einen Zustand hat.
Aufgaben aus allen Systemen: interne Aufgaben plus GitHub Issues, Azure DevOps Work Items, Outlook und Planner in einer Ansicht, mit Kanban und Kalender. Und Agenten als Zuständige, nicht nur Menschen.
Attention Hub: eine zentrale Eingangsliste für alles, was eine menschliche Entscheidung braucht. Das ist die praktische Antwort auf die Aufsichtsfrage aus Teil 1: Der Mensch prüft an einer Stelle, statt zehn Chats zu beobachten.
Workflows nach Zeitplan: täglich, wöchentlich, monatlich oder einmalig, mit Ausführungshistorie und Protokoll. Das ist der Teil, der arbeitet, während niemand zusieht.
Dashboards und Notebooks: Ergebnisse landen nicht in einem Chatverlauf, sondern in konfigurierbaren Auswertungen und Arbeitsmappen, die man am Montag wiederfindet.
Angebunden an das, was schon da ist.
28 Integrationen im Standard: Microsoft 365 (E-Mail, Kalender, Teams, OneDrive, SharePoint, Planner), Microsoft Intune, Azure DevOps, GitHub, CRM, Zeiterfassung und Projektabrechnung, Unternehmenssuche, Ausschreibungsportale und mehr – erweiterbar um deine eigene Systeme.
Auch ohne Schnittstelle: wo ein System keine brauchbare Anbindung hat, arbeiten Agenten über Kommandozeile, Browser und Computer Use. Sie übernehmen also auch das, was heute jemand von Hand in einem Portal klickt.
Dokumente mit Semantik- und Hybridsuche: Berechtigungen auf Ordner- und Dokumentebene, Texterkennung für Dateien ohne Textschicht, Office-Formate und Videos inklusive.
Da, wo die Leute arbeiten: eingebettet in Microsoft Teams, als Outlook-Add-in, als SharePoint-Element, im Browser und als Desktop-App. Der Agent kommt zum Nutzer, nicht umgekehrt.
Offene Schnittstelle: eine OpenAI-kompatible Schnittstelle, damit eure eigenen Anwendungen die Agenten nutzen können, ohne die Oberfläche zu öffnen.
Sprache und Ausgabeformate: Sprach-Eingabe und Sprach-Ausgabe, generierte Word-, PowerPoint- und Excel-Dateien, Diagramme und Architekturbilder. Ergebnisse in dem Format, in dem sie gebraucht werden.
Enterprise-Unterbau.
Mandantentrennung im Datenmodell: ein eigenes Datenbankschema pro Organisation.
Eigenes Erscheinungsbild und drei Sprachen: Farben, Logo und Auftritt pro Organisation, Oberfläche auf Deutsch, Englisch und Schweizerdeutsch.
Freigaben und Nachvollziehbarkeit: jeder Werkzeugaufruf mit Live-Status und optionalem Freigabeschritt, Auswertung von Nutzung, Werkzeugeinsatz und Kosten pro Agent.
Betrieb in Azure: Entra ID als einziges Rechtemodell, Front Door mit Web Application Firewall, Secrets im Key Vault, Terraform und Pipelines für jede Änderung.
Fair bleiben: Nichts davon macht Microsoft Copilot zur falschen Entscheidung. Für Assistenz in der Breite, sprich schreiben, zusammenfassen, Meetings nacharbeiten, ist es unschlagbar schnell eingeführt und günstig pro Kopf. Der Fehler ist, es für etwas zu kaufen, was es nicht sein will: eine Plattform, die Prozesse übernimmt.
Die vier Punkte oben sind genau die Liste, gegen die wir gebaut haben. Statt reaktiver Assistenz eine Plattform, die von Zeitplänen, Tickets und Systemzuständen angestossen wird. Statt Projekt pro Agent ein Baukasten mit Skills und Packs. Statt einer festen Modellentscheidung die Wahl pro Agent. Und statt einzelner Antworten Initiativen, die ein Vorhaben über Wochen tragen.
Der Satz, den ich Kunden mitgebe, ist unspektakulär: Copilot macht deine Leute schneller. Eine Agenten-Plattform macht Arbeit weniger. Beides ist wertvoll, aber es sind unterschiedliche Ziele. Und nur eines davon zeigt sich in der Durchlaufzeit eines Prozesses.
Theorie hilft hier weniger als ein Beispiel. Nehmen wir eine Aufgabe, die ich in dieser Form mehrfach gebaut habe: «Erstelle den monatlichen Projektbericht für einen Kunden.» Dafür braucht es Stunden aus der Zeiterfassung, offene Aufgaben aus Azure DevOps, den Mailverkehr des Monats und die letzte Berichtsvorlage aus SharePoint.
Das ist der Unterschied in einem Satz: Microsoft Copilot macht das Schreiben schneller, eine Agenten-Plattform macht das Sammeln überflüssig. Welche der drei Varianten richtig ist, hängt schlicht davon ab, wie oft der Fall auftritt und wie viele Systeme beteiligt sind.
Und weil ich es oft gefragt werde, hier explizit: Wo Copilot besser ist, ist es klar besser.
Im Dokument und im Postfach. Zusammenfassen, umschreiben, Meeting-Notizen. Dafür brauchst du keine eigene Plattform.
Bei der Einführung in der Breite. Eine Lizenz ist schneller als jedes Projekt.
Wo hingegen Frontier Engine gewinnt:
Wenn der Prozess über mehr als zwei Systeme läuft, von denen mindestens eines nicht von Microsoft ist.
Wenn Agenten nachts und ohne Nutzer arbeiten sollen.
Wenn Modellwahl, Region oder Aufbewahrung deine Entscheidung bleiben müssen.
Ich habe bei der Auswahl einige Fehler gesehen, die man meiden kann:
Copilot-Lizenzen für alle kaufen und erwarten, dass Prozesse verschwinden. Copilot macht E-Mails schöner und manche Prozesse schneller, nicht Prozesse anders.
Eine eigene Plattform bauen, weil Microsoft Copilot im Pilot enttäuscht hat, ohne zu prüfen, ob es an Berechtigungen und Datenqualität lag. Meistens lag es daran.
Beide Welten ohne gemeinsames Inventar betreiben. Dann weiss nach sechs Monaten niemand, welche Agenten es gibt und was sie kosten.
Microsoft Copilot ist Assistenz in der Breite, direkt dort, wo Menschen ohnehin arbeiten. Frontier Engine ist eine Agenten-Plattform für Abläufe, die über Systemgrenzen gehen, eigene Modellwahl brauchen oder als Produkt für mehrere Mandanten laufen sollen. Die brauchbare Frage ist nicht «Welches von beiden?», sondern «Welcher Fall gehört wohin?».
Meistens ja. Die Plattform übernimmt Abläufe, Copilot hilft beim Formulieren im Dokument und im Postfach. Was du prüfen solltest, ist die Anzahl der Lizenzen: Nicht jede Rolle braucht Copilot, und eine ehrliche Nutzungsauswertung nach drei Monaten spart oft mehr, als das ganze Agentenprojekt kostet.
Teilweise wird es kommen, und das sage ich offen. Die Frage ist in welcher Qualität und nur ist Warten keine neutrale Entscheidung: Die Vorarbeit – Inventar, Identitäten, Datenklassen, saubere Wissensbasis – brauchst du in beiden Welten. Wer die jetzt macht, gewinnt. Wer wartet, fängt später bei Null an.
Nein. In den Projekten, die gut laufen, liegt Microsoft 365 Copilot bei allen Mitarbeitenden auf dem Schreibtisch, und daneben stehen spezialisierte Agenten auf einer eigenen Plattform für die Abläufe, die wirklich Effizienz schaffen. Microsoft Copilot macht Leute schneller und E-Mails schöner, eine Agenten-Plattform macht Arbeit weniger.
Für Standardaufgaben innerhalb von Microsoft 365 reicht es gut. Der Aufwand steigt aber deutlich, sobald Fremdsysteme, eigene Modelle, Agenten-Teams oder zeitgesteuerte Läufe dazukommen und Low-Code ist manchmal die doppelte Arbeit wie Full-Code. Ein Copilot-Agent bleibt reaktiv: Er wartet darauf, dass jemand ihn anstösst.
Agenten laufen nach Zeitplan, Loops oder werden von einem Ticket, einer E-Mail oder einem Systemzustand ausgelöst. Der Monatsbericht liegt am Ersten fertig zur Freigabe da, die Ticket-Triage ist morgens erledigt, die Ausschreibungsprüfung hat über Nacht eine Lücke markiert.
Die Daten bleiben im Source System. Und Region, Aufbewahrung und erlaubte Modelle bleiben deine Entscheidung.
Ein erster produktiver Anwendungsfall ist realistisch in Wochen, nicht in Tagen. Der Zeitfresser ist nie die Plattform, sondern Rechte, Datenqualität und die Frage, wer den Prozess fachlich verantwortet. Je eher das geklärt ist, desto schneller geht es.